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Reise-Tagebuch Ligurien, Cinque Terre, Piemonte, Alba
von Evelyne Scherer
Sonntag, 28. Oktober 2007
Fahren am Sonntag, eine gute Idee, keine Lastwagen.
Heute Tag der vielen Überraschungen, nach dem Motto: erstens kommt es anders, zweitens als man am Schreibtisch denkt.
Geplant: per Auto bis Voghera, Auto im Parking stehen lassen und per Bahn weiterfahren. Sciopero ist aber angesagt: Streik des Bahnpersonals.
Fahren wir doch bis Rapallo? Wir werden schon einen Parkplatz finden, schliesslich ist nicht Hauptsaison!
Was für ein Duft in der Nase, wie im Sommer, blühende parfümierte Bäume und Büsche links und rechts der Strasse. Auch Seifenduft, es ist schliesslich Wasch-Sonntag, kennen wir schon von Venedig.
Von der Autobahnbrücke aus Sicht auf das amphitheatermässig gebaute Genua. Haus an Haus schmiegt sich an die Felsen der Bucht zum Meer hinab und sieht viel malerischer aus als erwartet (die Meinung über Genua sollten wir später noch sehr stark ändern!).
Strassen in den Ortschaften breiter und angenehmer als im Tessin. Verkehr nicht hektisch.
Rapallo: Einchecken im historischen 3-Sterne-Hotel „Italia e Lido“, geführt in vierter Generation. Netter, freundlicher Empfang, grösstes Zimmer der obersten Etage, leerer und funktionierender Eiskasten, zwei Einzelbetten auf Anhieb, eigener Balkon mit Aussicht auf eine mittelalterliche Wasserburg direkt vor dem Hotel, auf den Tigullio-Golf und bis Portofino. Schon wieder einige angenehme Überraschungen, was will man mehr?
Abend: Per Auto erster kurzer Ausflug nach Portofino, seit 150 Jahren der kleine und feine Urlaubsort der Schönen und Reichen der Welt ist. Im Abendlicht und mit nur wenigen Touristen mit seinen bunten Häusern und engen Gässchen und den Luxusjachten im Hafen ein spezieller Anblick. Elegante Designershops mit allen guttönenden Markennamen, Parking äusserst eng, dafür 5 Euro die Stunde. Eine Tafel am Hafen erinnert an Guy de Maupassant, der sich vielleicht auf seiner Jacht „Bel-Ami“ die Geschichte der Schwestern Rondoli in Portofino ausdachte.
Der malerische Ort hat Friedrich Nietzsche zu folgendem Gedicht inspiriert:
Portofino
Hier sitz ich wartend – wartend? Doch auf nichts,
Jenseits von Gut und Böse, und des Lichts
Nicht mehr gelüstend als der Dunkelheit,
Dem Mittag Freund und Freund der Ewigkeit.
In der Nähe der Eisenbahnbrücke in Rapallo finden wir einen geeigneten Parkplatz für unser Auto für die nächsten Tage. „Parkieren erlaubt ausser jeden 2. und 4. Donnerstag des Monats wegen Putzarbeiten“, steht auf dem Strassenschild. Das Herumkurven hat sich gelohnt!
Ab jetzt wird per Zug gereist. Bahnhof nur 5 Min. vom Hotel entfernt.
Montag, 29. Oktober 2007
Morgens früh um 6 hat Michael den Rapallo-Rappel. Und weil er schon so ungewöhnlich früh aufgewacht ist, lässt er sich den herrlichen Sonnenaufgang nicht entgehen; er fotografiert ihn vom Balkon aus ausgiebig, ich schlafe weiter, brauche Kräfte für alles Weitere.
Reichhaltiges Frühstück. Ein Amerikaner meckert: Eier fehlen! Gute Brötchen, Früchte, der fortwährend frisch gebraute Kaffee eine weitere angenehme Überraschung.
Weg zum Bahnhof an langen Vespa-Reihen vorbei, typisch für Italien, Vespas sind schliesslich wendig im Verkehr und brauchen nicht viel Parkplatz.
Zugfahrt mit dem Abonnement nach Monterosso. Abo hat Michael via Internet vor der Reise schon besorgt und gedruckt, in Plastiktäschchen versorgt, sieht jetzt aus wie Presseausweis, passend zu Rucksack und Kameratasche. Der Kontrolleur wirft kaum einen Blick darauf.
Abwechselnd Aussicht auf ruhiges Meer und verlassene Strände und Tunnels. Es soll einer behaupten, in der Schweiz hätte man viele Tunnels, wir sind grad Anfänger dagegen). Manchmal befindet sich die Zughaltestelle mangels Platz im Tunnel drinnen!
Üppig grün überwachsene Hänge, Riesenagaven, Riesenfeigenkakteen, Riesenpinien, Riesenpalmen, alles wie durch ein Vergrösserungsglas und saftig und Temperatur wie bei uns im Sommer (vor der Abfahrt waren die Berge rund um den Urnersee mit weissen Hauben bedeckt und ein Eiswind gab Vorgeschmack auf Winter).
Häuser in Ocker, Gelb, Orange mit fast ausschliesslich grünen Fensterläden, sieht so aus, als ob das Grün vorgeschrieben wäre.
Monterosso: Fischerdörfchen aus dem Mittelalter, grösster Ort der Cinque Terre (2000 Einwohner) und Teil des gleichnamigen Nationalparks an der ligurischen Küste, erstreckt sich über ca. 1½ km. Altstadt vom neuen Viertel mit Bahnhof durch einen 100 m langen Tunnel erreichbar. Steile Hänge, Oliven und Wein, Wanderwege bis zum Umfallen. Fischerboote und andere Schiffe schon fast alle auf dem Trockenen
Monterosso - Vernazza per Zug: Ansiedlung auf der kleinen Halbinsel einst von einer römischen Familie gegründet und von Sklaven bewirtschaftet. Nach ihrer Befreiung gründeten die Sklaven den Ort um das geschützte Hafenbecken herum. Ich fotografiere auffallend viele Hochformat-Bilder, da alles so eng und aufgeschossen ist. Details in den Gassen drängen sich auf, gefälliger Hafen. Eine Schicht nach der anderen wird ausgezogen. Der Sommer meldet sich zurück. Wir befinden uns wieder im Farbenrausch, geniessen die interessante Felsaufschüttung (wie gefalteter Blätterteig) am Hafen.
Michael entdeckt Quallen zwischen den Schiffen. Mir fällt auf, dass das vom Meer gelieferte Material zu Kieselmosaiken am Boden mit viel Liebe zum Detail verwendet wird.
Weiterfahrt nach Manarola: Dorf auf hohen Felsen und an die Steilhänge der Bucht geschmiegt. Örtlicher Dialekt: Manarolesisch. Alte römische Schriften berichten vom Manarola-Wein, Sciacchetrà. Grundsteinlegung der Kirche San Lorenzo im Jahr 1160. Die Fischerboote machen im Ort selbst den Winterschlaf, sie werden mit einer Seilwinde aus dem Wasser über 15 m hoch auf den Felsen hinaufgezogen. Dunkles, fast schwarzes Gestein mit weissen Quarzbändern fallen auf. Schön ausgebauter Spazierweg. Blick hinüber durch Pinienäste nach dem benachbarten Corniglia.
Weiterfahrt nach Riomaggiore (Rimasùu im lokalen Dialekt). Früher wie die anderen Orte nur per Schiff oder auf langen Fusswegen über die Berge erreichbar. Der Bahnhof befindet sich fast gänzlich im Tunnel, man fragt sich unweigerlich: Warum hält der Zug! Ist das richtig, hier auszusteigen?
Mein Lieblingsort, obwohl auch hier hohe Haustürme bewohnt werden. Alles scheint mir ein bisschen weniger eng als in den anderen Orten, irgendwie heimeliger. Hier wie anderswo in der Gegend bebaute Terrassen an den Steilhängen (vor allem Reben), ein grandioses Panorama, Agaven, Feigenkakteen, Levkojen, Palmen und noch andere üppigen Pflanzen, die aus den Steinen heraus wachsen.
Volltreffer am Mittag: Focacceria mit frisch gebackenen Spezialitäten aus der Gegend (Gemüsetorte, süsses Gebäck). Die nette Bäckerin gibt uns auch ein Stück Reistorte zum Versuchen und gibt Auskunft über die Zutaten: „Ich hab den Reis vorgekocht, mit viel Pecorino und Parmesan, Olivenöl, Eiern, Salz und Pfeffer vermengt, auf den Teig geschichtet und ab in den Ofen!“ Wir hatten ein nettes Gespräch mit ihr. Sie kann nicht verstehen, dass die Leute scharenweise im Sommer kommen, da sei es doch viel zu heiss. Und bei ihr erst, in der Backstube, wo der Ofen den ganzen Tag in Aktion ist! Die liebenswürdige Bäckerin und ihre Schwiegertochter arbeiten Hand in Hand, holen die frischen Zutaten täglich auf dem Markt, rüsten, kochen, backen den ganzen Tag und stehen am Ladentisch. Und schon ist eine Ladung Gebäck, das aus dem Ofen genommen werden muss. „Das müssen Sie unbedingt versuchen!“ Und sie schneidet für uns einige Brocken. Mmmm! Hefegebäck mit Mandeln, in Stücke geschnitten wie bei uns das Magenbrot. Ich könnte noch stundenlang mit der Bäckerin plaudern und mich verwöhnen lassen.
Michaels Blick auf die Uhr sagt: Auf zum Bahnhof! Per Zug an allen fünf Orten der Cinque Terre wieder vorbei, heimwärts. Nun baden einige Leute im Meer, geniessen den intensiven Ende-Oktober-Sommersonnenschein.
Zeit zu Meditieren: Die Menschen leben seit Hunderten von Jahren im Kampf gegen Wind und Wetter, gegen Naturgewalten und früher gegen Seeräuber, die in die Dörfer einfielen und Frauen und Kinder raubten, wie erzählt wird. Tausende Kilometer von Steinmauern sind entlang der Küste und der Berge gebaut worden, unzählige Terrassen und Tunnels mit viel Fleiss errichtet. Jeder Meter Land wird seit Jahrhunderten bebaut, gepflegt und bewirtschaftet. Respekt!
An jedem Bahnhof die gleiche Leier:
Gelbe Linie nicht überschreiten!
Es ist verboten die Gleise zu betreten!
Es ist wirklich verboten die Gleise zu überschreiten!
Der Zug kommend von ... fahrend nach ... wird in Bälde da sein.
Der Zug kommend von ... fahrend nach ... fährt ein.
Bitte von der gelben Linie wegtreten!
Es folgt nun ein Ausschnitt aus Christoph Hennigs Buch:
Von Genua bis Portovenere / Cinque Terre und die ligurische Küste (2007 ausgezeichnet als bester deutschsprachiger Italien-Reiseführer).
´Typische Fischerdörfer´?
Immer wieder werden die Cinque Terre als ‘typische Fischerdörfer’ dargestellt. Das ist falsch - heute sowieso, aber es gilt nicht einmal für frühere Zeiten. Traditionell waren die Bewohner der Cinque Terre in erster Linie Weinbauern. Die Landwirtschaft spielte immer eine grössere Rolle als der Fischfang. Fischer gab es in grösserer Zahl nur in Monterosso, wo in früheren Jahrhunderten der Thunfischfang, später der Sardellenfang von Bedeutung waren. Eine Reihe von Einheimischen (vor allem aus Vernazza und Riomaggiore) fuhr zur See, häufig aals Schiffsköche oder Kellner.
Diese traditionelle Beschäftigungsstruktur änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der Eisenbahn . Zahlreiche Männer fanden beim Bau der Bahn Arbeit. Etwa gleichzeitig wurde in La Spezia die grosse Militär-Schiffswerft, das Arsenal, errichtet, die ebenfalls viele Arbeitsplätze bot. Zunächst war es in den traditionsbewussten Dörfern nicht gern gesehen, wenn die Männer auswärts arbeiteten; allmählich aber löste sich diese Einstellung, und es wurde mehr und mehr üblich, nach La Spezia zur Arbeit zu fahren.
Die überlieferte Berufsstruktur hatte sich also schon um 1900 verändert: Neben Winzern, Fischern (in Monterosso) und Seeleuten gab es nun in wachsender Zahl Arbeiter und Angestellte des Arsenals, dazu auch Männer, die bei der mittlerweile fertiggestellten Eisenbahn eine Dauerstellung gefunden hatten. In den zwanziger Jahren veränderte sich die Ökonomie der Cinque Terre nochmals tiefgreifend. Sämtliche Weinberge wurden von der Reblaus befallen, die Pflanzen starben, die Winzer waren ruiniert und mussten sich andere Arbeiten suchen. Zwar stellte man die Weinberge in der Folgezeit mit neuen Rebsorten wieder her; seither gibt es aber in den Cinque Terre nur noch wenige hauptberufliche Weinbauern. Der Weinbau wird meist als Nebenerwerb betrieben. Winzer und Fischer - so schön sie in die Landschaft passen - findet man in den Cinque Terre also nur selten. Nur in Monterosso hat der Fischfang nach wie vor eine gewisse Bedeutung: Dort gibt es rund 20 bis 30 Fischer. Im ‘typischen Fischerdorf’ Vernazza sind es gerade noch drei... Der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist heute der Tourismus; ein nicht geringer Teil der arbeitenden Bevölkerung ist bei der Bahn angestellt; ausserdem gibt es zahlreiche Pendler, die nach La Spezia zur Arbeit fahren.“
In Rapallo begleitet fröhliches Entengeschnatter das Nachtessen auf unserem Balkon. Hat jemand etwas von endlos herumfahrenden Vespa-Fahrern erzählt, von lärmenden Italienern? Hier jedenfalls hört man nicht viel mehr als das Glucksen der Wellen rund um die Wasserburg.
Dienstag, 30.Oktober 2007
Es regnet. Geplanter Fototermin Portofino verschoben, Schlechtwetterprogramm aktivieren: per Zug nach Genova.
In der Stadt ein Stau nach dem anderen vom Zug aus sichtbar, wir gratulieren uns, das Auto in Rapallo gelassen zu haben, das Wetter so fürchterlich wie der Verkehr. Besonders eindrucksvoll der Bahnhof Genova Piazza Principe, zwischen zwei Tunnelausgängen eingeschachtet und mit endlos langen Rolltreppen versehen, die einen rauf ans Tageslicht (an diesem Tag in windgepeitschte Strassen) führen. Bahnhofplatz: dekorativ angeordnete Palmen säumen das Denkmal für Kolumbus, hoch über unseren Köpfen, Wind und Wetter trotzend, die linke Hand auf dem Schwert aufgestützt und sehnsuchtsvoll in die Ferne blickend. Dazu ein Gedicht von Friedrich Nietzsche:
Auf hohem Meere
Freundin – sprach Columbus – traue
Keinem Genuesen mehr!
Immer starrt er in das Blaue,
Fernstes zieht ihn allzusehr!
Wen er liebt, den lockt er gerne
Weit hinaus aus Raum und Zeit -
Über uns glänzt Stern bei Sterne,
Um uns braust die Ewigkeit.
Marsch zum Hafen. Unter dem Schirmrand hinweg guckend die Via Balbi entlang in einer hohen Häuserschlucht gebildet von hohen Patrizierhäusern und prunkvollen Palästen. Jedes Gebäude erzählt vom Reichtum vergangener Zeiten, als Genua neben Venedig die See- und Finanzmacht Europas darstellte. Kunstmuseen, Universität, alles zwischen Bahnhof und Hafen schnell erreichbar.Aus Wikipedia: „Genua besitzt eine der grössten Altstädte in Europa. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zunehmend dem Verfall preisgegeben, nicht nur, weil aufgrund gravierenderer wirtschaftlicher Probleme (Niedergang des Hafens und der Werften, Arbeitslosigkeit, Abwanderung) das Geld zur Erhaltung fehlte, sondern auch, weil zunehmend weniger Genuesen dort wohnen wollten. Heute wird die Altstadt daher vor allem von nordafrikanischen Einwanderern dominiert, wodurch besonders abends und an den Wochenenden eine bunte, fast heitere Multikulti-Atmosphäre in den engen Gassen herrscht, die nachts jedoch gefährlich sein können.
Das Aquarium von Genua: Ein unvergessliches Erlebnis in Stichworten: Geheimnisse und Vielfalt des Meeres dargestellt auf 10.000 qm Ausstellungsfläche; mehr als 600 unterschiedliche Meeresorganismen in 70 Becken, nebst Fischen auch Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere; die Grosse Mittelmeerklippe, die Neuheit im Aquarium von Genua; Reise durch die Ozeane, der Ursprung allen Lebens: die Verbindungsglieder zwischen dem Schicksal des Menschen und dem des Ozeans; Aufzeigen aktueller Problematik zur Erhaltung der Ökosysteme wie das karibische Korallenriff, der indische Ozean oder der Regenwald in Zentralamerika; Für Gross und Klein: Im Grande Nave Blu, dem grossen blauen Schiff, kann man Rochen streicheln, Krokodile beobachten, Nemo und seine Freunde in Lebensgrösse entdecken.
Das Aquarium ist eine Reise wert, nicht nur als Regenwetterprogramm!
Galata Museo del Mare im ehemaligen Baumwollspeicher:
300 Meter weiter, am Ende des alten Hafens, befindet sich das Schifffahrtsmuseum; Schiffsmodelle in Naturgrösse und auch kleiner, Gemälde, historische Atlanten und Weltkugeln, Navigationsgeräte zur Illustration der Geschichte der Seeschifffahrt von früher bis heute. Interessant, aber nicht zu vergleichen mit dem in Venedig!
Auf dem Weg zum Bahnhof zurück windet es immer noch stark, sämtliche Abfalleimer sind gefüllt mit zerfetzten Schirmen, zur Freude vieler afrikanischer Schirmverkäufer auf der Strasse.
Nachtessen im Rapallo, im Ristorante „Nettuno“ (Neptun) am Meer, Sehr empfehlenswert in jeder Hinsicht.
Mittwoch, 31. Oktober
Ganzer unterer Stock des Hotels für Halloween mit Spinnweben und Spinnen dekoriert, natürlich auch mit Fledermäusen, Girlanden im Speisesaal aus Papier-Geistlein und -Knochengerüsten. Teelichter und ausgehöhlter Kürbis am Eingang zum Empfang bereit.
In der Weite intensiver Silberstreifen am Horizont, entpuppt sich später als Sturmflut mit Schaumkronen. Per Zug eine Station bis Santa Margherita Ligure, per Bus bis Portofino (die schlauste Art, dorthin zu gelangen).
Hier starker Wind und hohe Wellen. Fotowettbewerb bei Scherers: Wer bannt die grössere Welle auf ein Bild? Spaziergang auf gepflegtem, gepflasterten Weg am Hügel mit Sicht auf Bucht, Hafen und Dorf, auf die kostbarsten Quadratmeter von ganz Italien, vielleicht von ganz Europa, lese ich im Internet.
Wasser in der Bucht wie auf alten Ölbildern, tief grün-blau mit weissen Schaumkronen, aufgewühlt, peitschender Wind, Schiffe tanzen. Castello Brown inmitten von Zitronen- und Orangenbäumen mit Rundumblick aufs Meer. Früher militärische Befestigung, heute bewohntes Schloss, für Meetings, Kongresse, kleinere oder grössere Events zu mieten.
1870 pflanzte Consul Brown zwei Pinien in Innenhof des Schlosses, eine zur Erinnerung an seine Hochzeit, die andere für seine Frau Agnes Bellingham. Die zwei Pinien ziehen unweigerlich alle Augen auf sich. Mimosen-, Orangen-, Zitronen-, Grapefruits-Bäume wohin man blickt. Viele Früchte liegen am Boden. Wir marschieren weiter auf Oliven- und auf Dattelteppichen (!)
Villen kleben am Felshang, im Wald versteckt, 1000 Töpfe und Töpfchen voller Blumen, Büschen, Zierpflanzen, Kakteen zieren die Wege in den Gärten. Zur diskret verstecken Villa Portofino (man kann sie für 10 Personen mieten) gehören private Stein- und Holztreppen, 112 Stufen bis zum Meer hinunter. Ein privater Aufzug vom unten gelegenen Hafen (wo man seine Yacht vertäuen kann) bis zur hochgelegenen Fussgängerstrasse, die zum Leuchtturm führt. Eine grosse Terrasse mit einer jahrhundertealten Blauregenranke, Panorama-Liegeplatz. Grundstück rund 2000 qm gross.
Hauptgeschoss mit Zentralheizung, Pergola, 7 Zimmer, 1 Küche (Herd mit Backofen, Kühlschrank, Spülmaschine, Waschmaschine) 2 Badezimmer (eines mit Wanne, das andere mit Dusche), Garderobe; Untergeschoss mit mobilen Heizkörpern, 1 Zweibettzimmer, 1 Bad (Wanne), 1 Waschküche sowie das Schlafzimmer mit Bad, welches von der Hausgehilfin bewohnt wird. Das Untergeschoss wird für gewöhnlich für Kinder gebraucht, das Hauptgeschoss für Erwachsene, da sich dort die schöneren Zimmer befinden. Im Mietpreis enthalten (eine Woche im Sommer 9230 Euro) sind der Aufzug und 8 Stunden Haushaltshilfe pro Tag. Ein Koch kann organisiert werden.
Wanderung im alles zerzausenden Sturmwind bis zum Pharo (Leuchtturm), der uns jede Nacht Lichtsignale zum Hotel in Rapallo schickt!
Zum Mittagessen in Santa Margherita Ligure: Der romantische, gepflegte, einladende Ort liegt an der Bucht des Tigulliogolfs, zwischen Portofino und Rapallo mit einer Autobahnausfahrt, mit Olivenhainen, weiter oben Kastanienwäldern und dem Naturpark von Portofino. Ein wichtiges Touristenzentrum der Riviera di Levante. Früher Ferienort mit Sommerresidenzen der reichen Genueser Familien. Wer gerne isst, was aus dem Meer gefischt wird, kommt nicht zu kurz: Fische: Sardinen (limonetti und bianchetti, junge Sardinen), Sardellen, Makrelen und Hornhechte, Mondfische, Brassen und Seebarsche. Krustentiere: rote Riesengarnelen, Gamberoni, aus Santa Margherita und Porto Maurizio, die batti-batti aus La Spezia (eine Art Hummer, so genannnt, weil sie die Scheren auf die Felsen schlagen, battere auf Italienisch).
Ein schöner Strand lädt heute zum Faulenzen ein, im Sommer würde man Sportsegler, Fischerboote, hochseetaugliche Motor- und Segelyachten aus aller Welt bestaunen können. Besonders sympathisch: Eine überdimensionale Pinie neigt sich schlimmer als der Turm von Pisa. Kein Problem, man fällt sie nicht, man stützt sie mit dicken, im Boden verankerten Holzpfeilern. Standbild: Christoph Columbus zeigt in die Ferne. Margueriten-Mosaik auf dem Boden. Nachmittag windstill in Rapallo, was für ein Hin und Her der Gefühle! Sonnenbad auf Balkon, Stricken, Faulenzen ist angesagt.
Abend in Rapallo: Fotografierstudium und Experimentieren mit Kamera und Stativ. Hexen in allen Grössen junge und alte, auch Verkäufer mit Zauberspitzhut huschen durch die Gassen. Knallerbsen liegen auf dem Boden, natürlich trete ich auf eine und erschrecke gehörig. Spektakuläre Aufnahmen vom dunklen Meer, dessen Wellen mit Schaum und Gegurgel über die Felsen fliesst. Michael testet seine Kamera bis zum Äussersten, beide sind ein unschlagbares Team!
Wir machen uns auf eine unruhige Nacht gefasst. Plötzlich ist aber alles still, wie ausgelöscht. So viel Disziplin hätten wir in Italien nie erwartet!
Donnerstag, 1. November 2007
Beschluss: Wir bleiben in Rapallo, die zwei geplanten Nächte in Genua müssen wir nicht erleben, das Aquarium haben wir schon vorgeholt.
Wolkenformationen, Föhnlinsenwolken, eindrückliche weiss-silbrig-blaue Farbe am Himmel, so wie das Wetter ändern auch die Farben täglich. Wir bekommen etwas für unser Geld. Heute Luft reingewaschen, die kristallklaren Farben intensiv.
Im Hotel alles wieder normal, Spinnen und Spinnweben weg, wir aber geistern durch den Gang mit unseren sieben Sachen auf dem Arm und wechseln die Zimmer, von 414 zu 410. Schnell erledigt! Gleiche Aussicht, Zimmer ein bisschen kleiner, Balkon auch, dafür sind wir nicht irgendwo auf Hotelsuche.
Über Nacht sind alle Hexen der Uferpromenade verschwunden, dafür im Handumdrehen viele Buden aufgestellt worden. Mercato in Rapallo. Zug nach Corviglia. Geplant: kurze Wanderung von Corviglia nach Manarola. Wegzoll soll man hier bezahlen? 5 Euro? Könnte man rund um den Urnersee auch einführen. Würden sich das die Wanderer in der Schweiz bieten lassen? In den bunten Felsbrocken picknicken wir, ab und zu von einer vorwitzigen Welle angespritzt, mit Blick auf Manarola.
Wofür haben wir unser Zug-Abonnement? Also per Zug eine Station nach Manarola, das auch als Malerdorf bekannt ist. Hörte ich soeben: Faule Bande, nicht mal wandern? Wer aber stundenlang treppauf- und treppab ein Dorf nach dem anderen besucht, plus eine ausgiebige Wanderung im Aquarium in Genua, hat schon genug Kilometer abgeklappert und darf mit gutem Gewissen in den Zug sitzen, jawohl! Nämmlig!
Das Fotografieren kommt bei der schönen Aussicht auf das am Felsen angeklebte Dorf nicht zu kurz. Beobachtet werden wir von Möwen, die es vielleicht auf unsere süssen Häppchen abgesehen haben?
Wir können nicht genug staunen über Befestigungsarbeiten an allen Hängen, über die gepflegten, gepflasterten Wanderwege mit den Schutzgeländern. Ein fleissiges Völkchen wohnt hier!
Von Manarola wieder per Zug zum Ausgangsort Rapallo, Fahrt in den farbigsten Sonnenuntergang hinein, den man sich vorstellen kann. Der ganze Himmel brennt!
Hier noch ein Überblick über die Wanderwege, falls mein Bericht jemanden zum Wandern anregen sollte:
Sentiero 1: La Via dell’Amore / Riogmaggiore-Manarola / 1 km / 30’
Sentiero 2: Mananrola-Corniglia / 1 km / 1h
Sentiero 3: Corniglia-Vernazza / 4 km / 1h 30’
Sentiero 4: Vernazza-Monterosso / 3 km / 2h
Kurzer Besuch beim Auto bei der Eisenbahnbrücke. Es sind alle Räder noch dran! Tutto a posto!
Im Zimmer Wanderbeine hoch lagern, Tagebuchnotizen ergänzen.
Im Hotelprospekt steht, wer im Speisesaal schon gegessen hat:
André Gide (1869-1951) französischer Autor und Literatur-Nobelpreisträger
Mario Soldati (1906-1999) italienischer Schriftsteller, Drehbuchautor und RegisseurGabriela Mistral (1889-1957) chilenische Dichterin und Diplomatin, Nobelpreis für Literatur
Aristoteles Onassis (1906-1975) ein aus der Türkei stammender griechischer Reeder. Sein Vermächtnis an die Nachwelt: „Wer behauptet, mit Geld sei alles möglich, der beweist nur, dass er nie welches gehabt hat!“
Ezra Pound (1885-1972) amerikanischer Dichter
Auf ausgestellten Fotos im Speisesaal scheinen die Herrschaften den Ort genau so zu geniessen wie wir.
Es bringt ihm zwar nichts ein, aber Michael gewinnt, für ihn ein weiterer (aber erwarteter) Höhepunkt des Tages, eine Barrikade, unser Lieblingskartenspiel.
Freitag, 2. November 2007
Auf der Schifffahrt bis zum bedeutenden Wallfahrtsort, dem Kloster San Fruttuoso. Zwischenhalt in Portofino, es steigen noch mehr Leute ein. Zauberhaftes Morgenlicht in der Bucht. Alles ruhig, keine Wellen mehr, nichts Dramatisches mehr. Ein gut Informierter erklärt seinen Freunden: Jedes Fenster in Portofino kostet eine Million! Tatsächlich kostet eine kleine Wohnung mehr als unser ganzes Haus.
Ausflugs-Schiff gleitet an grünen Hügelketten vorbei, hie und da Riesenvillen. Einer der Prachtbauten gehört Berlusconi, erzählt meine Nachbarin. Ob man glücklicher ist, wenn man dort wohnt? philosophieren wir. Ein Freud von ihr schwärmt: „Du hast in deinem Leben noch nie so was Schönes gesehen, wie das Innere dieser Villa!“ Das aus dem 8. Jahrhundert stammende Benediktinerkloster San Fruttuoso erscheint am Ende einer kleinen Bucht. Die Familie Doria aus Genua, deren Grabstätte sich in der Kirche befindet, hat ein zusätzliches Gebäude mit attraktiver Fassade zum Meer hin gestiftet. Der Turm (Torre di Doria) oberhalb des Klosters diente hauptsächlich der Verteidigung und wurde dem legendären Seefahrer Andrea Doria gewidmet.
Auszüge aus Wikipedia: Andrea Doria (1466-1560)
Frühe Jahre: Andrea Doria war Spross der alten genuesischen Adelsfamilie Doria-Pamphilij-Landi, die schon seit Jahrhunderten hervorragende Flottenführer hervorgebracht hatte. Er wuchs vaterlos auf und diente als Condottiere zunächst Papst Innozenz VIII., dann auch anderen italienischen Fürsten (Montefeltro, Senigallia). 1503 kämpfte er für seine Heimatstadt auf Korsika gegen die Franzosen, die er auch zum Rückzug aus Ligurien zwang. Danach wurde er Admiral und kämpfte an der Spitze der genuesischen Flotte gegen Türken und nordafrikanische Piraten. Wiederherstellung der Republik Genua. Doria befahl seinem Neffen Filippino, der zusammen mit den Franzosen Neapel belagerte, den Rückzug. Mit Unterstützung führender Familien wurden die in Genua verbliebenen Franzosen ausgewiesen und die Republik unter kaiserlichem Schutz wiederhergestellt. Andrea Doria reformierte die Verfassung, überwand die Spannungen zwischen Guelfen und Ghibellinen und schuf die Grundlagen für eine aristokratische Regierungsform. Er hatte bis zu seinem Tod erheblichen Einfluss auf das “Parlament” Genuas. Die Stadt gab ihm neben vielen Privilegien zwei Paläste und gestand ihm den Titel “Liberator et Pater patriae” (“Befreier und Vater des Vaterlandes”) zu.
Späte Jahre: Nach dem Frieden von Crépy (1544) zwischen Franz I. und Karl V. plante Doria seinen Rückzug aus dem aktiven politischen und militärischen Leben. Doch sein persönlicher Reichtum und Einfluss brachte ihm Neid, Missgunst und auch offene Feindschaft ein. Auch die Arroganz seines Neffen und Erben Giannettino Doria trug dazu bei. 1547 versuchten genuesische Adelsfamilien in einem Komplott, die Macht der Doria in der Stadt zu brechen. Dabei wurde sein Neffe Giannettino ermordet. Andrea Doria durchkreuzte die Pläne seiner Gegner bei dieser und anderen Gelegenheiten energisch. Auch Kaiser Karls Versuche, spanische Truppen in der Stadt zu stationieren und Genua auf diese Weise unter seine Kontrolle zu bringen, scheiterten an Dorias Opposition.
Noch 1550, also mit 84 Jahren, führte Doria die Flotte gegen nordafrikanische Piraten. Durch einen erneuten Kriegsausbruch zwischen dem Kaiser und Frankreich sah sich Andrea Doria wiederum veranlasst, für die Unabhängigkeit seiner Republik zu kämpfen. 1553 bis 1555 führte er die genuesischen Truppen auf Korsika in den wechselvollen Kämpfen gegen die Franzosen. 1555 kehrte er fast 90jährig als alter und gebrechlicher Mann nach Genua zurück und legte alle öffentlichen Ämter nieder. Er starb dort 1560, wenige Tage vor seinem 94. Geburtstag.
Wanderung San Fruttuoso-Portofino durch Wald auf Piniennadelteppichen. Wenig Vögel, viele Schmetterlinge. Temperatur 26 Grad (am 2.Nov.). Wir sind zu unserer Überraschung selten allein auf dem Wanderweg. Und alle grüssen: Buon giorno! Bonjour! Salve! Bun di! Grüss Gott! Auch Hunde sind unterwegs, einer stürzt sich beinahe auf unsere Schinkenbrote!
Zwei Freundinnen regen sich über den Mann der einen auf: „Für jedes Foto braucht er eine Viertelstunde, der Weg ist noch weit. Und auf Schritt und Tritt ist die grandiose Sicht eine Foto wert. Uff! Wir werden nie am Ziel ankommen!“ Ein weiterer Wanderer stöhnt: „Warum nur habe ich den Esel zuhause gelassen?“ Ein Anblick, der mir besonders gut gefällt: Italiener verzehren ihr Mittagessen und lassen dabei die Beine über den Abgrund hängen. O Schreck, nur nicht hingucken!
Michael schwärmt bei jedem abenteuerlichen Tiefblick hinunter in klares Meerwasser. Erstaunlich wenig Betrieb auf dem Meer, da ist ja bei uns auf dem Urnersee mehr los! Ist im Sommer sicher ganz verschieden. Wunderschön: freie Sicht bis nach Genua und die schneebedeckten Gipfel in Richtung Piemont!
Unzählige Treppenstufen, Hohlweglein (Erinnerungen an Wanderung Bauen-Seelisberg) Kakteen wachsen aus dem Felsen, mit Stämmen so dick wie Baumstämme. Ehrwürdige, alte Bäume, denen kein Sturm etwas anhaben konnte, wachsen aus dem Hang und krallen sich über dem Abgrund fest. Marsch vorbei an Villen inmitten von Fruchtgärten, Olivenbäume, Feigenbäume, Reben, Kastanien, die vom Wind gestern runtergeschüttelt worden sind. Unterhalb des Villengebietes solider, hoher Zaun mit der deutlichen Aufforderung, ihn wieder gut zu verschliessen: Wildschweingebiet. Unzählige Stapfen und Stiegen runter nach Portofino durch den Wald. Meine armen, alten Beinchen werden immer gummiger.
Der erste Bus in Portofino ist so voll, es passt keine Stecknadel mehr rein, obwohl wir mehr als beizeiten dort erscheinen. Nächsten Bus abwarten. Auch der ist im Nu voll! Bedauern mit den Autos, die sich an den Hang drücken müssen um den Bus vorbeifahren zu lassen, und noch mehr Bedauern mit den Spaziergängern, für die kein Platz vorgesehen worden ist. Es kommen mir viele Ideen, was ich ändern würde, wenn ich Bürgermeisterin von Portofino wäre!!! Geld zur Umsetzung wäre in der Gemeindekasse genug vorhanden, will ich meinen.
Nachtessen in Rapallo. Diesmal flattern echte Fledermäuse über unseren Köpfen und über die Balkone des Hotels. „Ballando con le“ stelle läuft am TV. Ist die Sendung schlecht, oder war die Wanderung anstrengend? Zum Einschlafen braucht es keine Hilfe!
Samstag, 3. November 2007
Bereitmachen für Fahrt in Richtung Jochen Geburtstagsfest und Slow-Food-Festival im Piemont. Während Michael das Auto holt, beobachte ich noch einmal die Ruderer in der Bucht. Sie trainieren, der Trainer steht in seinem Boot und ruft Anweisungen. Einer der Ruderer, Davide, scheint besonders viel Aufmunterung nötig zu haben. Immer wieder tönt es über die ganze Bucht: Davideeeee!!!
Mit leichten Schwingen gleiten die Möwen schreiend über die Dächer der Burg, die Tauben gurren in den viereckigen Mauerlöchern, die Enten werden von Feriengästen gefüttert. Flügel müsste man haben! Fischer baden geduldig ihre Würmchen am Fuss der Wasserburg. Neue Passagiere füllen das Ausflugs-Boot mit Ziel Portofino, oder San Fruttuoso. Kinder spielen im Sand (Millionen von Italiener machen nun einige Tage Ferien (Allerheiligen). Michael findet den besten Weg und die Fahrt bis Acqui Terme zeigt sich problemlos. Zeit für mich zum Ausruhen und für den Leser des Berichtes noch etwas einzufügen:
Die Küche in Ligurien (in Auszügen) (Quelle: Welcome to Italy)
“Ligurien ist die kleinste italienische Region und sie hat eine sehr hohe Bevölkerungsdichte. Auch aus diesem Grunde ist die ligurische Küche sehr sparsam und fähig, jede nur essbare Zutat, die der Boden, das Meer und die Arbeit des Menschen hervorbringen, zu nutzen. Sehr verbreitet ist die Verwendung von wild wachsenden Pflanzen, die - aufgrund des reichlichen Regens - üppig wachsen: noch heute ersetzt der Borretsch in vielen Gebieten den Spinat in der Füllung von Tortelli und in der berühmten torta Pasqualina. Letztere ist eine salzige Pastete aus Blätterteig mit einer Füllung aus Kräutern (Mangold, Spinat, Borretsch) und ein traditionelles Gericht zum Osterfest (daher ihr Name), wahrscheinlich da im Frühling die Wiesen und Gemüsegärten eine grosse Menge an Gemüse bieten.
Die Füllungen kennzeichnen seit jeher diese Küche. Sie bestehen aus armen, doch sehr schmackhaften Zutaten: die Gemüsesorten werden mit Gewürzkräutern, Käse, Eiern, Pinienkernen, Pistazien usw. vermischt. Unter den Gewürzkräutern herrscht das Basilikum vor. Das ligurische Basilikum hat kleine Blätter, ist so üppig wie duftend und kennt viele Verwendungen. Wir erinnern unter ihnen an das heute überall verbreitete pesto alla genovese. Der Name kommt daher, dass man es einst erhielt, indem man Basilikum, Pinienkerne, Knoblauch und gereiften Käse miteinander in steinernen Mörsern - die heute von elektrischen Geräten ersetzt werden - zerstiess (zerstossen heisst auf Italienisch pestare).
Die wichtigsten ligurischen Rezepte sind:
Erste Gänge: troffie al pesto, trenette avvantagiae (Pesto, Kartoffeln und grüne Bohnen), testatori al pesto (Nudelscheiben, die in der Grillpfanne - einst auf testi genannten Backformen, daswegen werden sie testatori oder testaroli genannt - gekocht und mit Pesto serviert werden), pansoti con salsa di noci (Ravioli mit Gemüsefüllung und Walnuss-Sauce), ravioli al ragù di funghi (Ravioli mit Pilzsosse), minestrone alla genovese, minestra di bianchetti (Suppe mit jungen Sardinen), minestra di lattuga ripiena (Suppe mit gefülltem Kopfsalat), risotto di carciofi (Reis mit Artischocken), risotto con asparagi (Reis mit Spargel), zuppa di ceci (Kichererbsensuppe).
Hauptgerichte: coniglio con le olive (Kaninchen mit Oliven), stoccafisso accomodato (verfeinerter Stockfisch), burrida di stoccafisso (eine Art Stockfischeintopf), sgombri con piselli (Makrelen mit Erbsen), cima alla ligure ripiena (gefülltes Kalbfleisch), coda di stoccafisso ripiena (gefüllter Stockfisch), pesce al forno con patate e pinoli oder con patate e carciofi oder con patate e asparagi (Fisch im Ofen mit Kartoffeln und Pinienkernen oder mit Kartoffeln und Artischocken oder mit Kartoffeln und Spargel), bianchetti con carciofi (junge Sardinen mit Artischocken), calamari ripieni (gefüllte Kalmare), zimin di seppie (Sepien in Gemüsesauce), vitello all’uccelletto con carciofi (Kalbfleisch mit Salbei und Artischocken).
Weitere Gerichte: torta Pasqualina (Osterpastete), frittatina con bianchetti (Frittate mit jungen Sardinen), torta di verdura (Gemüsetorte), tomaxelle (gefüllte Kalbfleischröllchen), farinata di ceci oder farinata di grano (eine Art Polenta aus Kichererbsen- oder Weizenmehl), cappon magro (gekochtes Gemüse, Thunfisch, Sardellen, hartgekochte Eier und Mayonnaise).
Süssspeisen: panettone genovese, amaretti di Sassello (Mandelgebäck), torta di zucca (Kürbistorte), budino alle uova (Eierpudding).”
Dank genauen Informationen aus dem Internet finden wir die Cascina Grassi in Bubbio auf Anhieb, über Hügel und Täler, auf gewundenen Strässchen, inmitten der Rebberge, die alle Herbstfarben aufleuchten lassen. Traumhaft! Hier kann ich die Seele baumeln lassen.
CASCINA GRASSI
Carina und Stefan Dietrich
Regione Grassi 43, 14051 Bubbio (AT), Italia
Mail info(at)urlaubimpiemont.de Homepage www.cascinagrassi.com

Ein alter Landhof mit mehreren Gebäuden, 6 Wohneinheiten, 3 Appartements, 2 Studios, alle mit Balkon, eine grosse Terrasse mit Ausblick auf Hügel, Reben und Wald, einen Seminarraum für Veranstaltungen oder Kurse, eine Gemeinschaftsküche, das Ganze liebevoll und mit Geschmack hergerichtet von Carina, die wirklich so carina ist wie sie heisst, und vom freundlichen Stefan, der mit viel Geduld alles beantwortet und gute Ratschläge gibt. Nicht vergessen: die Hauskatze Lotta, die ewig bettelt und sehr zutraulich ist und die mit einem gekonnten Sprung die Tür zur Küche öffnet und der Kater Fleck, der auch gerne die Menschen beobachtet.
Ca. 15 Uhr Zimmerbezug (jedes eingeladene Paar hat nun eine separate Wohnung im heimeligen Anwesen!); Willkommensapéro;
Abendessen in Cassinasco im Ristorante LA CASA NEL BOSCO, einem sympathischen Familienunternehmen, Mina und Gianni und Sohn Francesco. Der Chef serviert nicht nur mit Aufmerksamkeit, er übt seinen Beruf mit Liebe aus, wie man es selten zu sehen bekommt. Man fühlt sich mehr Freund als Gast!
La casa nel bosco
Regione Valle Galvagno, 23
14050 Cassinasco (AT)
siehe Restaurants -> familiär
www.casanelbosco.com
Erstes Kennenlernen der Küche aus dem Piemont: Wir sind beeindruckt. Nur frische Ware wird mit viel Sorgfalt verarbeitet. Die Portionen der vielen Gänge sind so bemessen, dass man nach einigen Stunden Essen gaumenverwöhnt und zufrieden heim fährt, ohne unangenehmes Völlegefühl. Complimenti!
Sonntag, 4. November 2007
Nach einem ausführlichen Frühstück an der Sonne, die nicht mehr so stark wärmt wie an der ligurischen Küste, und die die Nachtkälte zuerst verschwinden lassen muss.
Fahrt nach Alba zur Trüffelmesse, dem Alba Tartufo Festival. 43km / 50 Min. durch eine toskanaähnliche Landschaft mit sanften Hügeln, Reben und Frühnebel und Wälder, soweit das Auge reicht.
Alba in Kürze: 30.000 Einwohner; Siedlung schon im 6.– 3. Jahrtausend v. Chr.; Dom aus dem 15. Jahrhundert; Wein- und Obstanbaugebiet; Spezialität: Weisse Trüffel aus der nächsten Umgebung.
Die Region ist ausserdem die Heimat von Marken wie Fiat, Alessi, Cerruti, Mon Chéri mit der Piemont Kirsche und die Haselnusscreme Nutella.
Festival: Jedes Jahr ein Überraschungsehrengast: Gérard Depardieu (2003), Sophia Loren (2004) und Alain Delon (2005).
Kunterbuntes über Trüffel: Trüffeln: Knollengewächs aus der Familie der Schlauchpilze; Zum Wachsen brauchen die Trüffeln frische, feuchte Umgebung 10-15 cm unter der Erde bei einer Durchschnittstemperatur von 6°. Aus der Verteilung der Sporen entwickelt sich ein Myzelium, das die Wurzelspitzen einer Pflanze umwickelt. Hieraus entwickelt sich in Symbiose mit der Pflanze eine Mykorrhiza. Das Myzelium, das sich von der Mykorrhiza absondert, kann eine Trüffel bilden.
Trüffeln (zehn Sorten in Italien gesetzlich anerkannt) dürfen nur auf dem offiziellen Markt verkauft werden. Sammelzeitraum von September bis Januar wird durch die Provinzverwaltung festgesetzt. Trüffel wachsen auf den Wurzeln von Eichen, Pappeln, Weiden, Linden, Hainbuchen und Haselnusssträuchern. Haltbarkeit: ca. 10 Tage (in ein feuchtes Tuch gewickelt und in einem gut verschlossenen Glasgefäss).
Trüffelsucher ist der „trifulau“, der Trüffelhund sein Begleiter. Der Trüffelsucher sucht jedes Jahr dieselben Fundorte auf, bewahrt sie als Geheimnis bis ins Grab, falls er sein Wissen nicht an einen Sohn weitervererbt. Spezielle Schulen bilden die Trüffelhunde in vier bis fünf Jahren aus. Starker Trüffelgeschmack lockt Trüffelfliege und bestimmte Käferarten (Eiablage). Duft des Pilzes ähnelt stark dem Androstenon, dem Sexualduftstoff des Ebers, weshalb weibliche, geschlechtsreife Schweine instinktiv danach suchen. Wildschweine fressen den Trüffel und verbreiten durch ihren Kot die Sporen, der Kot liefert Dünger für das Wachstum der Pilze. Sensation: Bei einer Trüffelversteigerung in Grinzane Cavour im Piemont ersteigerte ein Käufer aus Hongkong im November 2006 drei Trüffeln mit einem Gesamtgewicht von 1,5 Kilogramm zu einem Preis von 125.000 Euro. Die Auktion für einen wohltätigen Zweck findet alljährlich in der Nähe von Alba statt. Bei der Auktion 2007 wurden ebenfalls von einem Bieter aus Hongkong für eine 750 Gramm schwere weisse Trüffel 143.000 Euro geboten, stolze 190,67 Euro pro Gramm der Delikatesse!
Trüffeln wurden im antiken Rom der Liebesgöttin Venus geweiht. Trüffeln galten im Mittelalter als dämonisch und wegen der aphrodisischen Wirkung als sündhaft, galten auch als Hexenmahlzeit, als tierischer Organismus oder sogar als Mineral. Im Islam gilt der Trüffel auch als Heilmittel. An der Trüffelmesse kann man die Trüffel gratis begutachten lassen, vor oder nach dem Kauf. Auf der Qualitätskarte, die man beim Trüffelkontrolleur erhält, steht: Wenn der Trüffelpreis ... niedrig ist: passen Sie in diesem Fall auf hoch ist: einige Legenden haben einen wahren Kern zu hoch ist: Emotionen kosten.
Alle Köstlichkeiten der Region werden am „mercato“ ausgestellt und verkauft, Salamis und Geräuchertes und Luftgetrocknetes, Weine und Grappa, Torrone (Nougat), Schokoladetrüffeln, Olivenöle, mit Trüffelstückchen gespickte Produkte und noch vieles mehr. Überall degustieren, naschen, riechen oder schnuppern...
Auch die Antica Torroneria Piemontese aus Alba bietet zum Naschen an. Ahh! Ist das fein, das wünsch ich mir zum Geburtstag! Und der liebe Michael kauft ein.
Michael entdeckt später an meinem Geburtstag seine neue Vorliebe zu Nougat und deswegen auch die Homepage dieser Firma und den Bericht eines aussergewöhnlichen Auftrags vom Warenhaus Globus, die dem alteingesessenen Familienbetrieb unter der Leitung des erfahrenen Torronaios Roberto Zanetti arg Kopfschmerzen bereitet hatte. Bestellt wurden nämlich zum 100. Globus-Jubiläum 10 Hundertkiloblöcke Torrone! Die Herstellung benötigte viele Überlegungen, Versuche, Berge von Nüssen und Honig, eine neue, extra grosse Form zum Einfüllen der Masse, viel Geduld, Handarbeit und Muskelkraft. Jeder Hundertkiloblock brauchte volle fünf Tage zum Abkühlen und musste alle paar Stunden gewendet werden.
Nun stell ich mir noch vor, wie die Lastwagenkolonne beladen mit 10 mal 100 kg Torrone über die Axenstrasse gefahren ist, grad gegenüber von Bauen. Und wir haben nichts davon erfahren!? Zum Ausflippen!
Torrone und die ebenso herrlichen Schokoladetrüffeln können im Globus gekauft werden, falls jetzt den Schleckmaul-Lesern danach zumute sein sollte! Aber lasst uns bitte noch was übrig! Und Michael entdeckt auch zum selben Anlass, dass der Grappa (durch Dampfdestillation der Trester von Weinreben der Region Piemont produziert), den ich mir nach Degustation am Stand der Destillerie Beccaris wünsche, ein köstliches, öliges, duftendes, goldgelbes Seelen-Tröpfchen ist. Die wie von Hand geschriebenen Etiketten mit den schlichten Bildern bieten dem Auge auch etwas. Ich freu mich sehr auf die 1½-Flasche, vor allem auf den Genuss des Inhalts!
Klar, die dazugehörige Homepage muss ich besuchen und finde: „Die Distilleria Beccaris snc wurde sozusagen dank eines “Glücksspiels” gegründet. In der Tat, als in 1951 Elio Beccaris seine eigene Tätigkeit beginnen wollte, wusste er nicht, ob sie eine Brennerei, eine Kellerei oder eine Essigfabrik sein sollte. So liess er seinem Sohn Carlo, ein Kind von wenigen Monaten, die Entscheidung. Er warf drei Zettel mit den möglichen Alternativen in einen Hut und liess den Säugling einen Zettel nehmen. Die endgültige Wahl bewies sich eine glückliche Chance. Das Kind Carlo Beccaris ist ein Mann geworden, der seine Firma mit Leidenschaft leitet...“
Der Witz und Humor des Grossvaters scheint 1:1 vererbt worden zu sein. Für uns Fotografen und zum Gaudi aller umstehenden Messebesucher ruft Beccaris unsere Claudia hinter den Ladentisch, es werden ihr ganze Schnüre von Salami in die Hand gedrückt und los geht’s, ein perfekter Fototermin! Zuvor haben wir Claudia schon mit dem Trüffelsucher Giovanni Ronzano, der seinen Trüffelstand für eine kurze Weile verlassen hat, um bei Beccaris ein Gläschen zu heben, oder zwei...Ronzano macht keine Anstalten, Claudia in seine Azienda einzuladen oder sie dorthin zu entführen. Für mich sieht er aus wie der Räuber Hotzenplotz in Person, ein Charakterkopf mit Strohhut und wilder Mähne. Wir sind alle in bester Laune und glauben Beccaris aufs Wort, wenn er sagt: E sempre così nel Piemonte! Wir sind fröhlich und geniessen das Leben mit allen Sinnen!
Wechseln wir das Thema, man kann nicht nur übers Essen berichten: An einem Mercato-Stand entdecke ich die Legende von Aleramo in Bildern. Meine Neugier ist geweckt. Ich entdecke im Internet: Die Legende von Aleramo „Wie der italienische Dichter Carducci sagte: Das Montferrat ist der Boden von Aleramo. Die Rede war vom ersten Marchese von Montferrat (im Jahr 961), dessen Gebeine in der Kirche von Grazzano Badoglio (AT) ruhen. Die Geschichte dieses Sohnes aus adeliger Familie ist zur Legende geworden. Er wurde während einer Pilgerfahrt nach Rom geboren. Seine Eltern, die teutonischen Ursprungs waren, überliessen ihn der Obhut von Mönchen der Abtei Santa Giustina in Sezzadio und kamen nie wieder zurück. Aleramo wuchs zu einem mutigen Kämpfer heran, der sich dann in Alasia verliebte, die Tochter des Königs Otto I. Aber diese Liebe galt damals als hoffnungslos, so dass Aleramo gezwungen war, mit der schönen Alasia in einen Ort an der Küste zu fliehen, der deshalb heute den Namen Alassio trägt. Dem Mythos ihrer Liebe ist das berühmte "muretto degli innamorati" gewidmet, das Mäuerchen der Verliebten. Dann geschah es, dass Alerano während einer entscheidenden Schlacht König Otto zu Hilfe eilte, den Feind besiegte und sein Reich rettete. Der König wollte ihm dafür Land schenken: Das Gebiet zwischen den Hügeln und dem Meer, das Aleramo in einem dreitägigen Ritt umrunden konnte, sollte ihm gehören. Am zweiten Tag jedoch lahmte sein Pferd, und die Legende erzählt, dass Aleramo anhielt, um das Pferd mit einem Ziegelstein ("mon") neu zu beschlagen ("ferrare"). Der Name Montferrat könnte in dieser Legende seinen Ursprung haben, aber das ist nur eine von vielen Hypothesen.“
Abendessen in der Nähe der Cascina Grassi, im Örtchen Cessole in der „Madonna della Neve“. Das Restaurant wird viel von Einheimischen besucht. Drei bis vier Stunden plant man für ein Essen. Unvergesslich die hausgemachten „Agnolotti al Plin“, gereicht auf einer Stoffserviette, ganz ohne Sauce, damit sich der Geschmack der gefüllten winzigen ravioliähnlichen Täschchen am besten entfalten kann. Weitere Gänge: Kaninchen, Zicklein, Lamm, Rind oder Ente, Gemüsepastete, Käseplatte, Dolci, Sorbet aus Zitronen, Kaffee, Grappa (da kommt gleich die ganze Flasche auf den Tisch, nicht nur ein geeichtes Gläschen).Für die ganze Gesellschaft eine einzige Serviertochter. Sie trägt die Platten mit den Gerichten von einem Gast zum anderen, man kann entscheiden, ob man davon haben oder ob man lieber einen Gang auslassen möchte. Sie notiert die Wünsche der Gäste für den „secondo piatto“, später für die „dolci“ und serviert still, unauffällig, aber sehr aufmerksam. Sie könnte man dem besten Lokal weiterempfehlen.
Adresse:
Madonna della Neve
Fratelli Cirio
Reg. Madonna della Neve, 2
14050 Cessole (at)
siehe Restaurants -> traditionell
Moment mal, ich hatte doch vor, das Thema zu ändern? Ist mir wohl nicht so gelungen....
Montag, 5. November 2007
Am Nachmittag ist die Besichtigung des Weingutes “Azienda Agricola Hohler” vorgesehen.
AZIENDA AGRICOLA KARIN & REMO HOHLER
Reg. Bricco Bosetti, 85 - 14050 Cassinasco (AT)
pianbosco(at)hohler.it
www.hohler.it/default_tedesco.htm
Remo Hohler erzählt: „Wir sind mit unseren vier Söhnen im November 1990 aus der Schweiz nach Italien eingewandert. Unsere Kinder sollten auf dem Land aufwachsen und wir nahmen uns vor, verschiedene landwirtschaftliche Erzeugnisse auf gesunde und umweltschonende Weise herzustellen.
Heute produzieren wir Barbera d’Asti ohne Holzausbau, Barbera d’Asti im Barrique; Moscato secco Cenerentola; Monferrato Rosso.
Seit 1995 haben wir das Glück einen guten Jahrgang nach dem anderen produzieren zu können. Hauptgrund des Erfolgs: Die natürlichen Abläufe in den Rebbergen beobachten und verstehen lernen. Boden gesund = Rebstock gesund = Trauben von hoher Qualität. Eingriffe so schonend und umsichtig wie möglich, auf bioernergetischer Basis nach Arno Herbert (Homoepatica, Bachblüten, spagirische Essenzen, EM’s = effektive Mikroorganismen). Chemischer Dünger Unkrautvertilger und Antifäulnis-Spritzungen lehnen wir als lebenszerstörende Eingriffe ab. Nur gesunde und reife Trauben werden geerntet, viel Handarbeit. Rotweine werden weder filtriert noch geklärt, Weine deswegen gehaltvoller. Herstellung des Weines ohne Einsatz von Enzymen, Zentrifugen, Mostkonzentration oder künstlichem Wärme oder Kälte-Einfluss“.
Remo Hohler arbeitet mit seinen Söhnen daran (kürzlich ist leider seine Frau Karin gestorben), die Weinproduktion ab nächstem Jahr nicht nur auf biologischer Basis zu betreiben, sondern ganz und gar bioenergetisch. Die Weine sind bei der Azienda direkt erhältlich oder u.a. in der Schweiz bei: Ferrari SA, Münstergasse 49, Bern; bei Stravino Luigi Stramare, Breisacherstrasse 60, Basel und bei Frau Lucie Häring-Hohler, Spiegelgrund 2, Kaiseraugst.
Wir besichtigen den Weinberg, freuen uns an der Süsse der Trauben, am Sonnenuntergang, der die Reben mit ihren schön geformten Blättern und Ranken wie Scherenschnitte erscheinen lässt.
Schlussabend und letzter Höhepunkt in der Cascina Grassi
„Viele Köche verderben den Brei“ heisst es. Keine Regel ohne Ausnahme! Unter der geduldigen Anleitung von Carina Dietrich, später unter der Ober-End-Aufsicht einer piemontesischen Köchin wird die ganze Gruppe mit langen Schürzen, Rüstmessern, Kochlöffeln, Küchenmessern, Töpfen und Pfannen ausgerüstet. In der Gemeinschaftsküche (diesmal muss die Katze zuhause eingesperrt sein, anstatt um unsere vielen Beine zu streichen) biegt sich der grosse Tisch, das Zentrum der Küche, unter der Last der von Carina eingekauften Esswaren, die wir nach Rezept zubereiten:
Menü
Aperitivo (mit Kräuterbrötchen)
Antipasti:
Peperoni-Bagna cauda (siehe unten)
Torta di verdura “due colori” (gelber Kürbis und grünes Gemüse mit Küchenkräutern)Carne cruda (rohes, fein gehacktes Fleisch mit Zitrone und Olivenöl, mit Parmesan, Salz und Pfeffer vermengt)
Primo:
Pasta fresca “porcini” con tartufo nero (Nudeln natürlich frisch hergestellt, geschnitten und auf Küchentuch und viel Mehl getrocknet, kurz im Wasser gegart, Sauce mit Steinpilzen, Rahm, Weisswein Olivenöl und Butter, Salz und Pfeffer garniert servieren. Frische Trüffel darüber raffeln (das war gestern auch ein Grund, die Trüffelmesse in Alba zu besuchen)
Secondo:
Involtini di vitello (Kalbfleischrollen mit Apfel-Speck-Haselnuss-Füllung) gebraten und in Rotwein fertig gegart
Patate duchessa con la zucca come contorno (Kartoffel-Kürbis-Mus mit Dressiersack zu Häufchen geformt und im Ofen gebacken)
Formaggio:
Le palline di Robiola di Roccaveranno con Mostarda di “grassi” = Käsepralinen (Rezept hab ich nicht)
Dolce:
Crema di kaki (Kakimus mit Mascarpone gemischt)
Weinempfehlungen dazu:
Antipasti: Vino bianco Chardonnay di Loazzolo
Primo & secondo: Barbera Barrique C’ad Blina di Bubbio
Dolce: Moscato di Loazzola
Grappa di Loazzola
Anmerkung: Bagna cauda ist eine warme Sauce aus Knoblauch, Sardellen, Olivenöl. Sie wird über die geschnittenen Peperoni verteilt oder Bagna cauda in einem Stöfchen mit rohem Gemüse servieren (Cardo, Fenchel in Streifen geschnitten und in der stets warmen Sauce dippen).
Carne cruda: Trüffel darüber hobeln oder mit Rucola anrichten.
Das Kochen hat viel Spass gemacht, da sind sich darüber alle einig. Jeder hat mitgeholfen, niemand hat sich von der „Arbeit“ gedrückt, alle haben Einiges dazugelernt.
Ein Tipp von der Köchin, die makellos weisse Hände zeigt: Hefeteig mit frischer Hefe zubereiten und ausschliesslich von Hand vermengen und kneten, die Hefe ist ein Schönheitsmittel für die Haut.
Den Rest (Gerichte fertig zubereiten, wo nötig, Teller garnieren und servieren und den ganzen Abwasch) erledigen Carina und die Köchin ohne viel Aufhebens zu Zweit, ohne Hast und Eile! Grazie mille e complimenti!
Geschmaust wird bis in den Morgen hinein, wie es so im Piemont üblich ist. Die Küchenmannschaft wird nun zum Chor und versucht, das Geburtstagskind mit einem Abschlusslied zu beglücken. Der Grappa gibt den letzten Rest. Ab ins Bett! Die unzähligen Gläser in der Küche müssen bis morgen warten. Jetzt hat niemand mehr die nötige Energie.
Dienstag, 6. November 2007
Letzter Morgen, letztes gemeinsames Frühstück und jeder macht sich auf seine individuelle Heimreise.
Einen letzten Dank an Claudia, die alles so schön eingefädelt und organisiert hat, die uns zu unvergesslichen Erlebnissen verholfen hat, und an Carina und Stefan Dietrich, die sich alle Mühe gegeben haben, uns alle zufrieden zu stellen. Jochen wünschen wir, dass ihm der Rest des neuen Lebensjahres auch so gelingt wie sein ausgiebig gefeiertes Geburtstagsfest.
Ade, gute Heimreise allerseits! Das Normalleben hat uns bald wieder. Es wird ab morgen nicht mehr ganz so slow gefoodet! Und schon gar nicht mehr in solchen Mengen! Aber wir bemühen uns, die Ruhe, die Erlebnisse für Auge, Gaumen und Nase auch weiterhin zu kultivieren und zu geniessen.
Auf Wiederschreiben!
Evelyne Scherer, 16.11.2007
